(E-E) Ev.g.e.n.i.j ..K.o.z.l.o.     Berlin                                                  


      Exhibitions


(Е-Е) Evgenij Kozlov

USA-CCCP-CHINA

works 1980-1989

 (Е-Е) Evgenij Kozlov  USA-CCCP-CHINA works 1980-1989 catalogue cover

Herausgegeben von Hannelore Fobo
36 Seiten, 88 Abbildungen, 2018

Der Katalog ist erhältlich bei
Egbert Baqué Contemporary
Fasanenstr. 37 • 10179 Berlin

oder schreiben Sie an <art.tomorrow(at)t-online.de>



Katalogtext:

Im 20. Jahrhundert ist die Rivalität zwischen Russland und Amerika im Weltgeschehen ein Faktor, der auf den seelischen Zustand der Erde wirkt – fasst man die Erde als Organismus auf. In den 1980er Jahren beschäftigte sich Evgenij Kozlov, damals ein führendes Mitglied der Leningrader Avantgarde-Gruppe Die Neuen Künstler, wiederholt mit diesem Verhältnis.

Die Arbeiten jener Zeit weisen die ganze stilistische Bandbreite auf, die er in diesem Jahrzehnt, zwischen seinem 25. und 34. Lebensjahr, nutzte und entwickelte. Es beginnt mit Мертвые Ласки Века, До… / Die toten Zärtlichkeiten des Jahrhunderts, bis … (1980), einer Komposition, die an Kasimir Malewitsch’ Interpretation russischer Volkskunst erinnert oder auch an Wladimir Lebedevs Plakatkunst, zeigt mit Вашингтон / Washington (1983) eine klassische Zeichnung, führt zu Comics und Graffiti und endet mit den konstruktivistischen Точки соприкосновения / Berührungspunkten von 1989. Vor allem die Skizzen aus jenen Jahren belegen, wie systematisch Evgenij Kozlov sich mit verschiedenen Einflüssen auseinandersetzte und daraus seinen eigenen Stil schuf. Dasselbe gilt für eine Vielzahl von Techniken, wie zum Beispiel schablonierte Vorlagen und Spraytechniken. Eine wichtige Rolle spielen seine Fotografien, die er selbst entwickelte und vergrößerte, anschließend collagierte und übermalte. Als Medium dienten ihm Leinwand, Stoff, Karton und Papier, aber auch Bekleidung, Handtaschen, Teller und andere Objekte. Die kleinste Arbeit hat das Format von 9,3 x 9 cm, die größte misst 150 x 400 cm.

Kozlov hat diese Werke nicht als Einheit behandelt. Sie lassen sich jedoch mit der Bezeichnung USA-CCCP zusammenfassen; CCCP ist die russische Abkürzung für UdSSR. USA-CCCP lieferte die Titel für etliche Werke ab 1986 und erscheint auf ihnen auch graphisch in dieser Form. Darüberhinaus gibt es – ziemlich unerwartet – 1987 ein Gemälde mit dem Titel КИТАЙ-CCCP, also CHINA-UdSSR, die beide als Gitarrenspieler dargestellt sind. Es bildet das Gegenstück zum Gemälde PCCC-ASU mit einem Akkordeonspieler. China spielt hier bereits im Konzert der Weltmächte. Ob das Zusammenspiel harmonisch ist oder dissonant, ist nicht ausgemacht.

Indessen sah sich Evgenij Kozlov keineswegs als politischer Künstler, der sich für die eine oder andere Seite engagiert oder wie Wladimir Majakowski den Betrachter agitieren will. Zwar hat er bei Majakowski stilistische Anleihen genommen: Man findet sie in einem sechsteiligen Comic-Strip von 1987-88, in dem zwei Figuren miteinander kämpfen. Doch ist hier die Zuordnung von CCCP und USA zu Sieger beziehungsweise Verlierer beliebig. Im Januar 2018 äußerte Kozlov sich zu dieser Thematik folgendermaßen: „In meinen Bildern lege ich nicht fest, wer ,größer’ und wer ,kleiner’ ist. Denn im Grunde genommen drücken solche Festlegungen lediglich den bewussten oder unbewussten, jedenfalls zwanghaften Wunsch aus, sich erstens anderen entgegenzustellen und zweitens Positionen zu bekämpfen, die einem nicht gefallen, wie Kommunismus oder Kapitalismus. Sicherlich zeigen die historischen Tatsachen, dass es zwischen ihnen Unterscheide gibt (minimale oder auch maximale). In Wirklichkeit macht jedoch jeder Herrscher sein eigenes Land zum Schauplatz seines persönlichen Kampfes. […] Dass aber jemand alleine die gesamte Weltenführung innehat – ich meine einen irdischen ‚jemand‘, keinen geistigen –, hat es noch nie gegeben.“

Kozlovs Auffassung von der Gleichwertigkeit Amerikas und Russlands zeigt sich an zwei Werken aus dem Jahr 1983, einer Zeichnung und einem Gemälde. Aus einer städtischen Szene mit dem Titel Вашингтон / Washington wurde mit Elementen der Pop Art ein Bild, das er seinem Wohnort widmete: Петродворец. Красный проспект. / Petrodvorets. Der Rote Boulevard. Petrodrovets (Peterhof) ist ein romantischer Vorort von Sankt Petersburg, bekannt durch die Sommerresidenz Peters des Großen.

Solch eine „Doppelform“ existiert auch für die beiden auf Holz montierten Collagen aus dem Jahr 1984, für die Kozlov eigene Fotos mit Zeitungsausschnitten kombiniert hat. Wenig später hat er mit weißem und blauem Spray die Schriftzüge CCCP 671 beziehungsweise 21 USA sowie einige zusätzliche Buchstaben aufgebracht und damit die Aussage der Bilder komplett verändert.

Je nachdem, wie eng oder weit man die inhaltlichen Kriterien bezüglich USA-CCCP fasst, kommt man in den Jahren von 1980 bis 1989 auf eine Zahl von bis zu 164 Werken, einschließlich der Skizzen. Von den ca. 850 in diesem Zeitraum dokumentierten Werken (ohne Vintage-Prints) bilden sie etwas weniger als ein Fünftel. Diese „weiteren“ Kriterien umfassen auch solche Arbeiten, die sich mit wichtigen sowjetischen oder amerikanischen Themen auf bestimmte – symbolische – Weise beschäftigen (Комиссары / Kommissare, (Ст)рах Врагам. Огни Петродворца. / Terror/Frieden den Feinden. Die Feuer von Petrodvorets., Америка / Amerika, ARMY, u.a.).

Dabei liegt der absolute Schwerpunkt auf dem Jahr 1987, in dem der Künstler die sowjetische Symbolik – Stern, Hammer, Sichel etc. – systematisch umarbeitete. Es ist gewissermaßen ein „Rebranding“ zu positiven Logotypen. Eine Reihe dieser Werke wurde unmittelbar nach ihrer Fertigstellung bei großen Ausstellungen gezeigt: in Leningrad (1988) und den ersten internationalen Ausstellungen der Neuen Künstler im Kulturhuset, Stockholm (1988), Kunstnernes Hus, Aarhus (1988) sowie in der Bluecoat Gallery und Tate Gallery, Liverpool (1989). Der Stern [Звезда] wurde zum Logo der Ausstellungen in Aarhus und in der Bluecoat Gallery; Stern. 6 Figuren [Звезда. 6 Фигур] und die große Flagge CCCP wurden in Ausstellungsheften und in der Presse veröffentlicht.

Es liegt auf der Hand, USA-CCCP mit den politischen Vorgängen der 1980er Jahre in Verbindung zu bringen – dem Jahrzehnt des Übergangs von der Auf- zur Abrüstung, vom Kalten Krieg zur Entspannung. Diese Atmosphäre prägt Die äußere Erscheinung des Verhältnisses der beiden Weltmächte [Внешний облик отношений двух держав], wie der zweite Titel des Gemäldes Die toten Zärtlichkeiten des Jahrhunderts, bis… lautet.

Hier sind USA und Russland miteinander ins Gespräch vertieft, leicht erkennbar an ihren Attributen: die USA mit Zylinder, Frack und gestreiften Hosen, Russland (UdSSR) mit einem riesigen, ballonartigen roten Überwurf. Dass sie keine Zuneigung für einander hegen, sieht man deutlich, aber erst auf den zweiten Blick erkennt man den Engel, der hinter ihnen steht und sie vor ihrer gegenseitigen Vernichtung schützt – und damit auch die Erde, die über ihren Händen schwebt. Die erschreckende Zahl der atomaren Beinahe-Katastrophen zur Zeit des Kalten Krieges ist heute bekannt.

Bei seinen Motiven hat Kozlov sich wiederholt von persönlichen Gegenständen inspirieren lassen. Beispielsweise ist der rote Überwurf eine Anlehnung an einen roten Regenmantel, den er häufig trug und mit dem er sehr auffiel. Sein roter Rucksack – wie der Regenmantel amerikanischer Herkunft – wurde wiederum Vorbild für ein Bild mit eben diesem Titel. Рюкзак / Rucksack kann als Gegenstück zu Die toten Zärtlichkeiten des Jahrhunderts, Bis… gelten. Das Bild zeigt oberhalb des Rucksacks die amerikanische Flagge; ihre weiche Textur erinnert an Jasper Johns’ ikonografische Darstellung der amerikanischen Flagge von 1954/55. Johns war damals 24 Jahre alt, im selben Alter war Kozlov, als er 1980 Rucksack malte.

Zwar gab es immer wieder Annäherungen zwischen den USA und der UdSSR und mit dem Apollo-Sojus-Test-Projekt 1975 sogar eine aufsehenerregende Kooperation im Weltall; Kozlov hat sie mit Полет в космосе / Der Flug im Kosmos (1986) persifliert. Doch erst im Zuge der Perestroika lösten sich die Feindbilder allmählich auf. Es kam zu ersten Abrüstungsgesprächen zwischen Gorbatschow und Reagan, die zur Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987 führten, dem Verbot und der Vernichtung von Kurz- und Mittelstreckenraketen. Die Sowjetunion war nicht länger „das Reich des Bösen“, und Amerika nicht mehr der „verfaulende Westen“. 1987 schuf Kozlov eine Papierarbeit im Format 171 x 354 cm mit dem Titel CuCsCaP (Сто вопросов и ответов) / CuCsCaP (Einhundert Fragen und Antworten); der Titel zeigt die Buchstaben CCCP und USA ineinander verflochten. Die Papierfläche besteht aus circa 250 Einzelfotografien mit Abbildungen von Kozlovs Freunden und Bekannten, Künstlern und Musikern, die man zum Teil noch unter der Farbe erkennen kann.

1988 entsteht der Zyklus Art из CCCP / Art для USA (Kunst aus der UdSSR / Kunst für die USA) auf Anzeigetafeln von Bushaltestellen, auf denen die typischen sowjetischen Straßennamen teilweise übermalt sind: Komintern-Straße, Lenin-Boulevard. In diesem Jahr reisen einige der Neuen Künstler zum ersten Mal ins sogenannte kapitalistische Ausland; Evgenij Kozlovs erste Auslandreise findet 1990 statt. Die Öffnung der Sowjetunion scheint unumkehrbar.

1989 beendet der Künstler die Beschäftigung mit diesem Thema mit einem Hauptwerk, den bereits erwähnten Berührungspunkten. Es ist eine stark symbolische Gestaltung der Polarität USA-CCCP, zeigt aber gleichzeitig auch die Überwindung dieser Polarität. Das Motiv beruht auf einem Entwurf von 1988, der in einem mit Filz ausgeschlagenen Besteckkasten ausgeführt wurde. USA und CCCP sind als Paar dargestellt, als Frau und Mann, wobei die Zuordnung auch hier dem Betrachter überlassen wird. Auf Kopf und Bauch der beiden Personen befindet sich jeweils ein schwarzer und ein roter Punkt, jedoch versetzt: beim Mann oben schwarz, unten rot, bei der Frau oben rot, unten schwarz. Diese Punkte verbindet der Betrachter unwillkürlich mit zwei sich diagonal kreuzenden Linien, dem Andreaskreuz. Damit gleicht er die Kraftwirkung der beiden Pole aus.

Diese Punkte sind eigentlich Kreise, und der Kreis ist die zweidimensionale Darstellung der Kugel – der Erde, die auf spektakuläre Weise in Kozlovs Fotoserie mit zwei schwangeren Frauen dargestellt ist. Mit Hilfe zweier Schilder, mit denen sie ihre Gesichter verdecken, präsentieren die Frauen sich als CCCP respektive USA. Die Fotografien vergrößerte der Künstler und übermalte sie anschließend. Die Ansicht, in der die beiden Frauen Rücken an Rücken stehen, gestaltete er zu einer Erdkugel, indem er ein Netz aus Längen- und Breitengraden über ihre Körper warf. Die Profile der beiden Frauen bilden genau die Krümmung der Erdoberfläche ab: CCCP und USA ergänzen sich zum Erdball. Sie tragen Leben.

In seinem Manifest von 1991 mit dem Titel Zwei Kosmische Systeme hat Evgenij Kozlov beschrieben, wie er in der Kunst zwei entgegengesetzte Standpunkte miteinander verbindet. Dabei unterscheidet er das 1. Kosmische System, das die Gesetze voraussetzt, wie sie auf der Erde existieren und von diesem Standpunkt aus den Blick auf die Kunst bestimmen (wie sie geliebt und genossen wird, ihre Vertiefung und Entwicklung) und das 2. Kosmische System, das den Blick aus dem Kosmos auf die Schöpfung im Ganzen voraussetzt – „und zwar so, als ob der Künstler im Weltenraum geboren worden sei und den gesamten Weg seiner Entwicklung und seines Werdens ausschließlich dort durchlaufen würde”.

Weiter sagt er „Vorstellen kann man sich eine solche Situation. Verfolgen kann man ihre Entwicklung nur durch die Empfindung, wenn Verlangen und Eingebung eine natürliche Verschmelzung der beiden Systeme herbeiführen.“

Die Gesetze, die auf der Erde wirken, prägen sich in Gegensätzen aus, in sich bekämpfenden Einseitigkeiten: einerseits CCCP, andererseits USA. Der Blick aus dem Kosmos nivelliert die Gegensätze: wir sehen eine Erde. Die Verschmelzung beider Systeme bewahrt die irdische Realität (die Einseitigkeiten CCCP und USA), verbindet sie aber mithilfe der künstlerischen Intuition – dem Blick aus dem Kosmos. Damit zeigt die Kunst eine Möglichkeit für die Zukunft, die die Widersprüche der Realität nicht eliminiert, sondern auf einer höheren Stufe synthetisiert. „Für die Zukunft gibt es immer Hoffnung,“ sagt Evgenij Kozlov.

Das ist der Unterschied zur politischen Kunst, deren Utopie keine Synthese, sondern eine Einseitigkeit anstrebt, indem sie zur Vernichtung der anderen Einseitigkeiten aufruft. Man kann Kozlovs Kunst dialektisch nennen, die politische Kunst nichtdialektisch.

Die Aufgabe, die sich er sich mit der Verbindung der beiden Pole USA-CCCP stellte, ist grandios. Nicht immer kam er zu einem Ergebnis, mit dem er zufrieden war.

Von einem Bild aus dem Jahr 1986 existiert nur noch eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Die Darstellung der beiden zentralen Figuren war wenig eindeutig. Ob die eine die andere rettet – Kozlovs Intention – oder im Todesgriff umfasst, oder ob die beiden gar in einer sexuellen Beziehung stehen, ist für den Betrachter nicht klar. Der Künstler hat das Bild nach seiner Fertigstellung am Finnischen Meerbusen verbrannt.

Dabei wäre für die heutige Zeit gerade die Vieldeutigkeit der Interpretation aufschlussreich. Dreißig Jahre nach den Berührungspunkten hat sich gezeigt, dass der Annäherungsprozess zwischen Russland und Amerika keineswegs irreversibel war. Im Jahr 2018 konstatieren wir bei beiden Mächten Prozesse zunehmend aggressiver Selbstbehauptung. Am Augenfälligsten ist dies auf den Gebieten, wo sich ihre tradierten Feindbilder finden: bei Amerika in Bezug auf den „äußeren Feind“, also in wirtschaftlicher Hinsicht, und bei Russland in Bezug auf den „inneren Feind“, beispielsweise mit Repressionen gegen unabhängige Persönlichkeiten oder Organisationen.

Evgenij Kozlov bezeichnet diese Prozesse als die „Problematik des geschlossenen Raums“: wie Individuen, nur in gesteigertem Maß, schotten sich politische Systeme gegenüber anderen ab, um ihren eigenen Standpunkt zu behaupten. Zwar widerspricht diese Abgrenzung ihrer inneren Natur, und sie hat daher die Tendenz, krank zu machen. Doch der Wunsch nach Macht (Geld) steht dem Wunsch nach geistiger Öffnung, geistiger Verbindung entgegen.

Insofern mag es scheinen, dass für Die äußere Erscheinung des Verhältnisses der beiden Weltmächte auch im 21. Jahrhundert der ursprüngliche Titel dieses Gemäldes zutrifft: Die toten Zärtlichkeiten des Jahrhunderts, bis…

Allerdings spielt China als dritter Akteur nun ganz gewiss eine Rolle, und wie sich dies auf die Erde als Organismus auswirkt, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft zeigen.

Hannelore Fobo, 2018

 (Е-Е) Evgenij Kozlov  USA-CCCP-CHINA works 1980-1989 catalogue cover