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Trinität, Glaube und Wissen


5. Gezeugt, nicht geschaffen

Eine besondere Rolle nehmen in diesem Streben nach Erkenntnis oder Verständnis die Gnostiker ein, auf deren Gedankengut auch in späterer Zeit immer wieder zugegriffen wurde. Die Gnostiker sahen sich mit dem Problem konfrontiert, Christus und sein Verhältnis zum Menschen in die Herausbildung der kosmischen Hierarchien (Kosmogonie) einzuordnen, gemäß dem Erkenntnisspruch der griechischen Philosophie „Erkenne dich selbst“, auf griechisch „Gnothi seauton“. Gnothi ist einer der Imperativformen des Verbes gignosko, erkennen. Mit dieser Aufforderung ist gerade nicht gemeint nicht ein Erkennen des Menschen im Sinne der heutigen Auffassung („Was sind meine Eigenschaften?“), sondern die Erkenntnis des Menschen als kosmische Schöpfung mit einer kosmischen Sendung.

Diese Erkenntnisfrage spielt selbstverständlich auch in Religionen eine Rolle, die Menschwerdung eines Gottes nicht kennen – gerade auch im Judentum, wovon die Genesis (Bereschit) handelt. Die christliche Gnosis hat Schnittpunkte mit der ungemein ausdifferenzierten Kosmogonie der jüdischen „Geheimlehre“, der Kabbala, die im osteuropäischen Chassidismus des 17. Und 18. Jahrhunderts auch messianische Vorstellungen einschloss.

Für die Gnostiker (die sich nicht ohne weiteres zu einer Gruppe zusammenfassen lassen) hat, allgemein gesagt, Christus sich in Jesus nicht inkarniert, sondern er hat sich an ihn geistig gebunden. Damit stellt sich die Frage nach der Menschwerdung Gottes (Geburt als Mensch) nicht. Das ist deswegen wichtig, weil der Schöpfer der Menschen, Jahve, bereits ein unvollkommener Gott ist: er hat sich mit der Schaffung des Menschen an die Materie gebunden. Christus ist aber gegenüber dem Jahve die höherstehende geistige Wesenheit. In der Konsequenz bedeutet dies, es ist also auch kein Gott als Mensch am Kreuz gestorben. Unter anderem aus diesem Grund ist das Attribut „gnostisch“ im Katholizismus bis heute negativ behaftet.

Andererseits ist nicht es überraschend, dass umgekehrt die Anerkennung dessen, dass Christus sich inkarniert hat, zu einer problematischen hierarchischen Ordnung von Vater und Sohn führt: Arius (ca. 260–327 n. Chr.) stellt den Sohn unter den Vater, denn der Sohn sei vom Vater aus dem Nichts gezeugt und habe somit einen Anfang. Von einer Wesenseinheit von Vater und Sohn könne daher nicht die Rede sein.

Und so wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts die Wesenseinheit von Vater und Sohn zum großen Streitpunkt zwischen Arius und Athanasius, mit Athanasius als Befürworter der Wesenseinheit, der Arius vehement widersprach. Der Streit wurde zwar 325 im Konzil von Nicäa dogmatisch zugunsten der Wesenseinheit von Vater und Sohn – einschließlich des Heiligen Geistes – entschieden. Er wurde aber nicht wirklich gelöst, zumal in Bezug auf Jesus Christus folgendes festgelegt wurde:

    Θεὸν ἐκ Θεοῦ, φῶς ἐκ φωτός,

    Θεὸν ἀληθινὸν ἐκ Θεοῦ ἀληθινοῦ,

    γεννηθέντα, οὐ ποιηθέντα,

    ὁμοούσιον τῷ Πατρί,

    Gott aus Gott, Licht aus Licht,
    wahrer Gott aus wahrem Gott,
    gezeugt, nicht geschaffen,
    eines Wesens mit dem Vater (homoousion to patri);

Diese merkwürde Formulierung „gezeugt, nicht geschaffen“ stellt eindeutig das Zeugen über das Schaffen oder Tun: das Zeugen ist eine Selbsthervorbringung.

Diese Formulierung kann aus heutiger Sicht aber auch ganz anders ausgelegt werden, scheint sie doch dem Vater in Hinblick auf den Sohn etwas wegzunehmen von den Vollmachten, die ihm zu Beginn des Bekenntnisses zuerkannt werden: „Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren“. Der Vater schafft also nicht, was er will, sondern er zeugt den Sohn lediglich aus seinem Wesen. (Hier kann man natürlich spitzfindig anmerken, dass man nicht schöpfen kann, was nicht in einem ist. Und überhaupt, was soll das heißen, schaffen was man will? Schaffen in beliebiger Weise, etwa ein Dreieck als Viereck schaffen?)

Es folgt das vollständige Bekenntnis von Nicäa, in dem sich auch die Formulierung findet „aus dem Vater gezeugt“, welche noch merkwürdiger ist, da der Vater hier eine passive Rolle in der Zeugung seines Sohnes einnimmt: 

    Ich glaube an den einen Gott,
    den Vater, den Allmächtigen,
    den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.

    Und an den einen Herrn Jesus Christus,
    den Sohn Gottes,
    der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters,
    Gott aus Gott, Licht aus Licht,
    wahrer Gott aus wahrem Gott,
    gezeugt, nicht geschaffen,
    eines Wesens mit dem Vater;
    durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist;
    der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist,
    Mensch geworden ist,
    gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist,
    aufgestiegen ist zum Himmel,
    kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten;

    Und an den Heiligen Geist.
    Diejenigen aber, die da sagen „es gab eine Zeit, da er nicht war“
    und „er war nicht, bevor er gezeugt wurde“,
    und er sei aus dem Nichtseienden geworden,
    oder die sagen, der Sohn Gottes stamme aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit,
    oder er sei geschaffen oder wandelbar oder veränderbar,
    die verdammt die katholische Kirche. [richtig: die belegt die katholische Kirche mit dem Anathema]

Wie man sieht, wird in einem Zusatz noch einmal unterstrichen, dass es nicht statthaft ist zu behaupten, Christus sei nicht gewesen, bevor er gezeugt wurde. In einer neueren Fassung dieses Bekenntnisses, dem Nicäno-Konstantinopolitanum (vermutlich 381), das bis heute das wichtigste christliche Glaubensbekenntnis ist, wird diese Aussage präzisiert mit dem Zusatz „Vor aller Zeit“:

    der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist vor aller Zeit,

Der Versuch, ein Geschehen vor der Zeit – wobei „Geschehen“ ja schon ein verkehrter Begriff ist, denn vor der Zeit kann es kein Geschehen geben, sondern nur Dauer – mit einem historischen Augenblick zu verknüpfen, nämlich als Christus „für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist“ führt zu dem oben genannten logischen Paradox. Es ist mehr als fraglich, ob diese Formulierung den Gläubigen die Einsicht vermittelt, wie sie die Zeugung vor aller Zeit mit der physischen Geburt des Jesus oder der Taufe im Jordan zusammenbringen können. Logisch lässt sich dies kaum bewerkstelligen, außer man sagt, dass physisch passiert ist, was geistig bereits da war, gewissermaßen vor einem Urknall, mit dem Zeit und Raum erst begonnen haben. Aber die Präposition „vor“ führt uns in dasselbe Paradox. Vielleicht wäre uns mit „außerhalb der Zeit“ geholfen.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass das Nicäno-Konstantinopolitanum noch in weiteren Punkten um eine Präzisierung des Glaubensbekenntnisses bemüht hat. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Erweiterung der Schlussformel, in die aufgenommen wird, dass der Heilige Geist „aus dem Vater hervorgeht“. Diese Formulierung wird selbst wieder zum Streitpunkt wurde, als sie im 5. Jahrhundert erneut erweitert wird und nunmehr der Geist aus dem Vater und Sohn hervorgeht, das sogenannte Filioque, Es wird von der orthodoxen Kirche nicht anerkannt und bildet ein wesentliches Hindernis bei der Überwindung der Kirchenspaltung.




 (E-E) Evgenij Kozlov Автопортрет / Selbstporträt, Mischtechnik auf Papier / 64 x 44 cm, 2000

(E-E) Evgenij Kozlov
Автопортрет / Selbstporträt
Mischtechnik auf Papier / 64 x 44 cm, 2000




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Veröffentlicht 6. Dezember 2021