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      (E-E) Evgenij Kozlov: ART >>

Trinität, Glaube und Wissen


3. Theozidee

Die Trinität kann somit von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden.  Konkret interessiert einerseits die Verschiedenheit (wozu drei?), anderseits das Einheitliche (was haben sie gemeinsam?). Die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, der mit den entsprechenden Kräften alles geschaffen hat, ist ja intuitiv zu verstehen – es handelt sich eben um den Schöpfer des „intelligent design“, wie wir ihn auch im bereits erwähnten Sonnenhymnus zeigt des Echnaton erkennen. Aber wieso dann „vervielfältigt“ dieser „Vater“ sich zusätzlich durch den Sohn und den Heiligen Geist, die offensichtlich auf derselben Stufe stehen wie er selbst? Warum bewältigt er seine Schöpfung nicht allein oder sagen wir, mit Helfern aus niedrigen Hierarchien, beispielweise Engeln?

Mathematisch könnte man immerhin von einer Menge aus drei Elementen a, b, c sprechen, aber müsste es dann nicht eine Funktion geben, einen übergeordneten Gott, der die Menge bestimmt, welche den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist enthält? Es ist die berühmte Frage, welcher Gott denn Gott geschaffen hat. So oder so: a, b, und c müssen einerseits gleich und anderseits doch verschieden sein, das sie jeweils unterschiedliche „Aufgaben“ erfüllen.

Angenommen, der Vater sei der schöpferische Gott, dann lässt sich die Aufgabe des Heiligen Geistes noch einigermaßen nachvollziehen: alles in der Welt hat Gott durch seinen Geist geschaffen. Wozu aber dann der Sohn? Die Aufgabe des Sohnes und seine Bedeutung für die Wandlung der Welt im Mysterium von Golgatha erschließt sich der Logik nicht – sie muss einfach hingenommen werden. Und Christus, der Sohn, ist immerhin das zentrale Element des Christentums: der Vater hat den Sohn in den Tod geschickt, um die Menschen vor ihrem Niedergang zu retten, der sie in den Tod führt.

Wir stoßen hier auf das Problem der Theozidee, das sich durch Religionen und Mythen hindurchzieht, nämlich das Problem, warum Gott den Niedergang des Menschen (das Böse im Menschen) zulässt, wenn er als allmächtiger Gott es doch keineswegs zulassen müsste. Mehr als das: die Menschen, verstrickt in ihre Leidenschaften und Triebe, werden mit der Zeit zunehmend schlechter. So beschreibt Hesiod die Verschlechterung des Menschen in der Abfolge der fünf Menschengeschlechter: des goldenen, silbernen, bronzenen, heroischen und schließlich des eisernen – letzteres das moralisch am tiefsten Stehende.

Hier kommt nun in einer speziell christlichen Variante der Theodizee der Sohn ins Spiel. Man könnte sagen, das Alleinstehungsmerkmal des Christentums ist es, dass Gott dem ehernen Geschlecht seinen Sohn geopfert hat, um es zu retten. Anders war die Rettung offensichtlich nicht mehr zu vollziehen. Das unsterbliche Göttliche hat den menschlichen Tod kennengelernt, um ihn für die Menschen zu überwinden.

Und dies führt uns gleich zur nächsten Fragenkomplex, nämlich erstens, warum Gott die Menschen so schwach geschaffen hat, dass er sie wegen ihrer fehlerhaften (sündigen) Natur immer wieder vernichten musste (oder fast vernichten musste wie in der Sintflut, der Sündenflut), zweitens, warum er sie dieses Mal nicht vernichtet hat, sondern statt dessen seinen Sohn opferte (also gewissermaßen sich selbst) und schließlich drittens, warum die Opferung des Sohnes die Menschen nicht wirklich gerettet hat.

Wir steigen tief ein in die Frage nach Schuld und Verantwortung. Waren Adam und Eva „schuld“ an ihrer Vertreibung aus dem Paradies, die zum Niedergang des Menschengeschlechtes führte? Sie sind dadurch wie Gott geworden: „Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. (Genesis 2,22, Lutherbibel 2017)

Nun, sie sind dadurch nicht wie Gott geworden, denn sie haben die Erkenntnis mit ihrer Sterblichkeit bezahlt. Und ihre Erkenntnis blieb nicht ungetrübt. Der Zweifel wurde ihr ständiger Begleiter. 

Hätten sie es besser unterlassen sollen, vom Baum der Erkenntnis zu essen? Andererseits, hatten sie überhaupt die Möglichkeit, sich der Verführung durch die Schlange zu entziehen? Über die Frage, ob die Gebetsformel „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse von dem Bösen“, so verstanden werden kann, dass Gott selbst es ist, der den Menschen in Versuchung führt, äußerste sich Papst Franziskus in jüngster Zeit verschiedentlich und hat diese Auffassung vehement zurückgewiesen.

Gottes Werk scheint kritikwürdig, und es wundert nicht, dass es in der Literatur zahlreiche mehr oder weniger seriöse Vorschläge gibt, wie eine bessere gesellschaftliche Ordnung aussehen könnte (z.B. Thomas Morus‘ Utopia), ganz zu schweigen von Theorien, die diesen besseren (neuen) Menschen hervorbringen wollen (Kommunismus) oder von den Möglichkeiten des direkten Eingriffes in seine Substanz (Genetik) zu diesem Zweck.

Wenn man aber nicht der Meinung ist, dass Gott dilettantisch agiert hat, als er Adam und Eva geschaffen hat, dann sagt man sich: Es muss doch einen Mehrwert geben, wenn der Mensch unvollkommen und nicht vollkommen geschaffen wurde!

Dieser Mehrwert ist – nach christlicher Auffassung – die Freiheit des Menschen, aus Erkenntnis gut zu sein oder auch nicht. Gott rechnet auf den Menschen in der Fortführung seines Werkes: die Freiheit des Menschen veredelt den Menschen und damit Gottes Werk, denn die nur die Freiheit gebiert Liebe – die Liebe zu Gott, nicht die Furcht vor Gott. Die Liebe der Menschen ist der Mehrwert ihrer Unvollkommenheit. Hier verknüpft das Christentum (nicht gleichzusetzen mit dem Kirchentum) die Ambivalenz des Menschen – einerseits gut, andererseits böse – mit der Frage nach der Freiheit des Menschen. Es ist eine Freiheit, die er sich langsam erobert, und zwar in dem Maße, wie er in die Lage kommt, die Gründe seines Handelns selbst zu bestimmen und die Folgen seines Handels zu überblicken. Wir sind hier wieder bei der eingangs besprochenen individuellen Sinngebung oder Lebensaufgabe angelangt. Anders ausgedrückt, der Mensch wird frei in dem Maße, wie sich sein Bewusstsein individualisiert und steigert. Dann wandelt sich in seiner Seele das Verlangen zur selbstlosen Liebe, die er zum Grund seines Verhaltens macht. Diese Entwicklung ist nicht abgeschlossen.

E-E Kozlov hat in seinem Zyklus von 1989/1990 „Die Neue Klassik“ mehr >> die elementaren Impulse der Liebe in sechs Bildern veranschaulicht:

    Die Liebe zum Mann

    Die Liebe zu Frau

    Die Liebe zur Erde

    Die Liebe zur Arbeit

    Die Liebe zum Wunderbaren

    Die Liebe zum Kosmos

Das siebte Bild, Die Liebe zu Gott, existiert bisher nur als Entwurf.

Wie sieht es nun mit der selbstlosen Liebe aus?

Der Mensch, der vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wird in der Regel nicht edel (gerecht). Seine Liebe ist selbstsüchtig und berechnend, und er wird sündig und krank. In diese sündige Welt schickt Gott seinen Sohn, denn ohne Christus schafft es der Mensch nicht zu gesunden. Christus liebt ihn voraussetzungslos und ist sein Heiler; er hat die Wandlungskraft und geht für den Menschen durch den Tod. Die Priester der christlichen Kirche haben diese Wandlungskraft in der Priesterweihe erhalten. Sie agieren im Namen, d.i. mit der Vollmacht Christi, denn der Gläubige bedarf dieser Wandlungskraft immer wieder neu.

Es geht also nicht nur um eine Entsühnung des Menschen, die es im Judentum auch gibt, nämlich an Jom Kippur, wo der Hohepriester im Tempel die Vergebung der Sünden stellvertretend für das Volk empfängt (ein Bock wird geopfert und einem anderen Bock werden die Sünden aufgeladen, die er wegträgt). Es geht um eine Heilung, daher der „Heiland“. Der Gott, Mensch geworden, überwindet als erster Mensch den Tod – für alle Menschen. Diese müssen diese Heilung aber wollen, sie müssen Christus erkennen. Es steht ihnen frei, das zu tun oder nicht.

Wird Gott dem Menschen auch gestatten, sein Werk endgültig zu verderben? Eine sicherlich nicht nur akademische Frage.




(E-E) Evgenij Kozlov in seinem Atelier Russkoee Polee (Das Russische Feld), Leningrad 1990, mit zwei Bildern aus dem Zuklus Die Neue Klassik Links: Die Liebe zum Kosmos (1990); rechts: Die Liebe zum Wunderbaren (1. Version 1989) Öl auf Leinwand, jeweils 2 x 3m

(E-E) Evgenij Kozlov in seinem Atelier Russkoee Polee (Das Russische Feld), Leningrad 1990, mit zwei Bildern aus dem Zyklus Die Neue Klassik
Links: Die Liebe zum Kosmos (1990); rechts: Die Liebe zum Wunderbaren (1. Version 1989)
Öl auf Leinwand, jeweils 2 x 3m mehr >>




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Veröffentlicht 6. Dezember 2021