Hannelore Fobo

Die Fotografie Evgenij Kozlovs in seinem Werk der 80er Jahre

Фотографии Евгения Козлова в его творчестве 80-х годов - русский текст >>>

Evgenij Kozlov’s Photographs in his art of the 80s - English text >>>

Gemälde - Fotografien - Collagen - Künstlerbücher - Plakate - Plattencover - Bekleidung

Der Artikel erscheint im Herbst 2010 im Verlag «Tager Publishing House», St. Petersburg, in A. Tagers Buch «В будущее возьмут не всех ....» («Nicht alle werden in die Zukunft mitgenommen ...»).

Evgenij Kozlov: Selbstportrait, übermalte Fotografie, 1982 Galerie Formula, Loft Project Etagi, 2010

Evgenij Kozlov
Selbstportrait

übermalte Fotografie, 1982
Galerie Formula, Loft Project Etagi, 2010


siehe auch
KIASMA, Helsinki «THE RAW, THE COOKED, THE PACKAGED. The Archives of Perestroika Art» >>>>>>                         

      
Evgenij Kozlov: Georgy Gurianov, Timur Novikov, Igor Verichev, Valerij Alakhov 1985

Beim Betrachten von Evgenij Kozlovs Fotografien der 80er Jahre stellen wir fest, wenn wir uns eingehender mit den Motiven und Ereignissen jener Jahre beschäftigen, dass sie von jener universalen Welt handeln, in der er lebte, Leningrad und Petrodvorets, wo sich die Wohnung seiner Eltern befand, und dass die auf den Fotografien abgebildeten Personen allesamt zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten. Mit anderen Worten, im Unterschied zu Rodchenko oder Henri Cartier-Bresson fotografierte er keine Unbekannten. Das Fotografieren war für ihn genauso natürlich wie das Zeichnen, und in gewissen Sinne ist es durchaus richtig, wenn man feststellt, dass der Fotoapparat für ihn dieselbe Funktion hatte wie Skizzenblätter für den Künstler vergangener Jahrhunderte: er ermöglichte ihm, den Moment festzuhalten, der das innere Wesen des Menschen preisgibt. Dieses innere Wesen ist aber seiner Meinung nach das eigentliche Anliegen der Kunst, welche sich seiner weiteren Interpretation widmet.

Evgenij Kozlov: Georgy Gurianov, Timur Novikov, Igor Verichev, Valerij Alakhov 1985

«Иконография» Новые Художники в фотографии и документах. /
Ikonografie. Die «Neuen Künstler» in Fotografie und Dokumenten.
Galerie Formula, Loft Project Etagi, 26.02.10 - 27.03.10, Kuratoren: I. Kuksenayte, A. Khlobystin
Fotografien, Dokumente, Lightboxen, Objekte, Dokumentarfilme und Videos aus Privatsammlungen.
Aufnahme aus der Nachrichtensendung «Сегодня» / «Heute» des Senders NTV vom 4.3.2010


Doch beschränkte er sich nicht einfach darauf, spezifische, ihn interessierende Gesten, Blicke, Haltungen zu fixieren, sondern er vermochte es auch, sie durch seine Anwesenheit mit dem Fotoapparat hervorrufen. In den seltenen Fällen, in denen es ihm darauf ankam, selbst im Bild zu sein, benutzte er den Selbstauslöser oder gab seine Kamera an andere weiter. In einem zweiten Schritt wählte er aus den Filmen einzelne Aufnahmen oder auch Ausschnitte daraus, welche sich durch eine besondere Harmonie der Komposition, neuartiger Gesten, des Ausdrucks des Gesichts und Körpers auszeichneten. Diese wurden zu seinen „Modellen“ in Fotocollagen und Alben, in Grafik und Malerei, wo sie in der Regel in bereits veränderter Form auftraten. Da er seine Filme selbst entwickelte (es handelte sich um schwarz-weiß Negativfilme der Fabrikate „Tasma“ und „Svema“) und auch die Abzüge selbst herstellte, konnte er den gesamten künstlerischen Prozess von der Aufnahme bis zum letztendlichen Ergebnis - dem Kunstwerk – gestalten und bestimmen.

Es ist kein Zufall, dass seine Freunde und Bekannte Künstler wie er selbst waren, und viele von ihnen sind heute herausragende Persönlichkeiten der zeitgenössischen russischen Kunst und Musik. Die Fotografien Evgenij Kozlovs zeigen das «Who is Who» der Leningrader Kunstszene der 80er Jahre: Valery Alakhov, Natalia Batisheva, Elena Bogdanova, Sergei Bugaev, Vladimir Chekasin, Denis Egelsky, Andrey Fitenko, Oleg Garkusha, Boris Grebenshikov, Georgy Gurianov, Vladislav Gutsevich, Yury Kasparian, Kirill Khazanovich, Konstantin Kinchev, Oleg Kotelnikov, Yury Krasov, Andrey Krisanov, Sergey Kuryokhin, Sergey Letov, Vladislav Mamychev, Andrey Medvedev, Ivan Movsesyan, Timur Novikov, Vadim Ovchinnikov, Andrey Panov, Natalya Pivovarova, Inal Savchenkov, Katya Selitskaya, Viktor Sologub, Grigory Sologub, Andrey Solovev, Ivan Sotnikov, Alik Tager, Aleksandr Titov, Viktor Tsoy, Nataliya Turik, Igor Verichev, Evgeny Yufit, Evgenij Kozlov, (Paquita Escofet, Agnes Horváth, Joanna Stingray).

«Ikonografie» Die Neuen Künstler in Fotografie und Dokumenten. Galerie Formula, Loft Project Etagi, 26.02.10 - 27.03.10, Ausstellungsplakat Fotografien oben links (oben rechts?) und im Zentrum: Evgenij Kozlov
«Ikonografie» Die Neuen Künstler in Fotografie und Dokumenten. Galerie Formula, Loft Project Etagi, 26.02.10 - 27.03.10,
Ausstellungsplakat
Fotografien oben links (oben rechts?) und im Zentrum: Evgenij Kozlov


Dass die Fotografien Evgenij Kozlovs für uns heute nicht nur wertvolle künstlerische Zeugnisse sind, sondern auch reichhaltiges Dokumentationsmaterial in Bezug auf bekannte Persönlichkeiten, einzigartige Begegnungen, Konzerte, Ausstellungen, ist gewissermaßen ein Nebeneffekt des künstlerischen Ansatzes, welcher nicht in der Absicht des Autors lag - wenn man einmal absieht von solchen Aufnahmen, mit denen er seine eigenen Werke dokumentierte, sei es bei Ausstellungen oder auch in seiner Wohnung «Galaxy Gallery» in Petrodvorets, die er zum Malen nutzte, sowie später in seinem Atelier «Russkoee Polee» («Das Russische Feld») an der Fontanka 145.

Die künstlerische Fotografie ist das Ergebnis eines gemeinsamen schöpferischen Aktes des Fotografen mit seinem «Modell». Diese Stellung zur Fotografie widerspricht bis zu einem gewissen Grad ihrer Einordnung in den geschichtlichen Kontext: der schöpferische Akt ist unvorhersehbar und gründet nicht im geschichtlichen Augenblick, sondern in einem Bereich außerhalb der Logik von Ursache und Wirkung – außerhalb der Zeit.

Ein solches Verständnis des künstlerischen Produktes im Sinne einer Interpretation der außerzeitlichen lebendigen Substanz wird offensichtlich, wenn wir die Transformation des einzelnen Motivs von der Fotografie bis zur Grafik und zur Malerei verfolgen. In diesen kombiniert Evgenij Kozlov die realistischen Elemente der Fotografie mit den freien Formen der Zeichnung, und dadurch verlieren die fotorealistischen Gestaltungsmerkmale der Gesichter und Figuren ihre zeitverhafteten Eigenschaften.

Evgenij Kozlov, o.T. (Anna Karenina 2), Ausschnitt. Time Out St. Petersburg N 4 (190) / 19 Februar «Ударная волна / Schockwelle»
Evgenij Kozlov, o.T. (Anna Karenina 2), Ausschnitt
Time Out St. Petersburg N 4 (190) / 19 Februar «Ударная волна / Schockwelle».
«Die „Neuen Künstler“ lassen sich als Bewegung selbst im Rahmen einer umfassenden Museumsretrospektive kaum erfassen ...»


Evgenij Kozlov «Portait von Timur Novikov mit Knochenarmen»,1988, Ausschnitt. Kunstmagazin ARTCHRONIKA, Moskau, 23 Februar 2010

Mithilfe dieser Umformung erscheinen die Kraft und das Potential des geistigen Zustandes des Menschen und somit der eigentliche Sinn des Bildes. Die «klassische Neuheit» des eindrücklichen und modernen Malstils E. Kozlovs wurde von allen «Neuen Künstlern» außerordentlich geschätzt. Nach den Worten Andrey Khlobystins «war sie für Timur eine Herzensangelegenheit», und aus dem großen Spektrum der Arbeiten Kozlovs erfuhren insbesondere seine Portraits von Georgy Gurianov, Timur Novikov, Igor Verichev, Oleg Kotelnikov und anderen Künstlern große Anerkennung. Georgy Gurianov bekannte in einem Interview, welches Ekaterina Andreeva 2007 in ihrem Buch «Тимур. Врать только правду» («Timur. Nur die Wahrheit lügen») veröffentlichte, dass die Werke Evgenij Kozlovs ihn persönlich stark beeindruckten, und dass ihm seine von der Hand des Künstlers geschaffenen Portraits «mehr als alle anderen gefallen».

Von diesen Werken, welche das «Modell» wiedererkennen lassen, ohne es realistisch abzubilden, geht eine starke geistige Wirkung aus, die das Potential hat, sie zu «neuen Ikonen» zu machen. Als Beispiel aus der jüngsten Zeit kann das Gemälde von 1988 «Portrait von Timur Novikov mit Knochenarmen» dienen, das im Zusammenhang mit der Ausstellung im Russischen Museum «Udar kisti / Brushstroke» 2010 in zahlreichen Presseberichten abgebildet wurde.

Evgenij Kozlov «Portait von Timur Novikov mit Knochenarmen»,1988, Ausschnitt
Kunstmagazin ARTCHRONIKA, Moskau, 23 Februar 2010

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100 TV: Итоги недели с Андреем Радиным / Nachrichten der Woche mit Andrey Radin 28. 2. 2010 Fotografien und Gemälde Evgenij Kozlovs (außer der Fotografie rechts unten). Time Out St. Peterburg N 4 (190) / 19 Februar «Ударная волна / Schockwelle».  Evgenij Kozlov: Farbfotografie, 80er Jahre. Logo des Festivals «Die Neuen Künstler»  Von links nach rechts Oleg Kotelnikov, Inal Savchenkov, Georgy Gurianov, Timur Novikov, Sergei Bugaev, Igor Verichev, Valerij Alakhov. Übermalung der Fotografie: Georgy Gurianov.

100 TV: Итоги недели с Андреем Радиным / Nachrichten der Woche mit Andrey Radin 28. 2. 2010

«Die Frage ist also: die Underground-Szene der Petersburger achtziger Jahre war für den Zerfall des sowjetischen Systems nicht weniger ausschlaggebend als die Ölkrise. Gibt es angesichts der heutigen ökonomischen Krise gleichermaßen einflußreiche künstlerische Kräfte? Die Antwort folgt im nächsten Beitrag.»

Fotografien und Gemälde Evgenij Kozlovs
(außer der Fotografie rechts unten).
Time Out St. Peterburg N 4 (190) / 19 Februar «Ударная волна / Schockwelle».

Evgenij Kozlov: Farbfotografie, 80er Jahre.
Logo des Festivals «Die Neuen Künstler»

Von links nach rechts Oleg Kotelnikov, Inal Savchenkov, Georgy Gurianov, Timur Novikov, Sergei Bugaev, Igor Verichev, Valerij Alakhov.
Übermalung der Fotografie: Georgy Gurianov.

Genauer betrachtet beginnt der Prozess der Transformation des fotografischen Motivs bereits mit der Entwicklung des Negativfilmes. Der Künstler wählte einzelne Aufnahmen des Filmstreifens, deren noch feuchte Emulsion er mit Hilfe eines Skalpells und scharf gespitzter Farbstifte strichweise abkratzte. Diese Schraffuren oder Konturen bilden sich auf dem fotografischen Abzug als weiße und schwarze Strichzeichnungen ab, welche die Figuren und Gegenstände des Bildes hervorheben, ergänzen oder ihre Bedeutung verändern. Von den Abzügen suchte sich Evgenij Kozlov wiederum bestimmte aus, die er mit speziellen Lösungsmitteln, farbigen Tinten, Tusche, Filzstiften übermalte; diese Weiterverarbeitungen und Umformungen lassen sich zum Teil in den Gemälden wiedererkennen. Jedoch wurde das Fotomaterial nicht nur dazu verwendet, um Motive für Grafik und Malerei zu gewinnen, sondern auch für Fotocollagen, die mit zusätzlichen Materialen wie Ausschnitten aus Zeitungen und Zeitschriften, farbigen Bändern oder Letraset-Klebebuchstaben kombiniert wurden.

Besonders intensiv beschäftige sich der Künstler mit dieser Technik in den Jahren 1984 bis 1986. In dieser Zeit entstand ein großes Triptychon (1984), das sich heute in der Sammlung des Russischen Museums befindet, die Collagen «Deutschland», «Новогодняя Ель» («Neujahrstanne»), ebenfalls von 1984, das Plakat «KINO» 1985, die Fotoalben «SEXPOPS», «Гуд Ивнин Густав» («Good Evening Gustav»), «1984 – 1990». Für «Сто Вопросов и Ответов» («Hundert Fragen und Antworten»), 1987, klebte er aus Fotografien ein Bild im Format 171 x 354 zusammen, das er anschließen übermalte. Bekanntermaßen liebten sowohl Georgy «Gustav« Gurianov als auch Timur Novikov ganz besonders «Good Evening Gustav»; letzterer bewahrte es nach der Ausstellung während der Theateraufführung von «Anna Karenina» bei sich zu Hause auf.


oben: Collage von Oleg Kotelnikov unten: Evgenij Kozlov: Triptychon-Collage, 1984 Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010. Fotografie A. Tager
oben: Collage von Oleg Kotelnikov
unten:
Evgenij Kozlov: Triptychon-Collage, 1984
Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010,
kuratiert von Ekaterina Andreeva und Vladimir Dobrovolski
Fotografie A. Tager
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Evgenij Kozlov: Album «SЕХPOPS» Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010, kuratiert von Ekaterina Andreeva und Vladimir Dobrovolski Evgenij Kozlov: Fotoalbum «Гуд Ивнин Густав / Good Evening Gustav» 1984. Fragment. «Ikonografie». Die Neuen Künstler in Fotografie und Dokumenten. Galerie Formula, Loft Project Etagi, 26.02.10 - 27.03.10 Evgenij Kozlov: Triptychon-Collage, 1984, Ausschnitt des linken Teils. Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010

Evgenij Kozlov: Album «SЕХPOPS»
Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010

Evgenij Kozlov: Fotoalbum «Гуд Ивнин Густав / Good Evening Gustav» 1984. Fragment.
«Ikonografie». Die Neuen Künstler in Fotografie und Dokumenten. Galerie Formula, Loft Project Etagi, 26.02.10 - 27.03.10
Aufahme aus dem Film von Ivetta Pomerantseva.

Die "Neuen Stilyagy" und das Konzert der "Strannye Igry" im DK Lenina 1985"
hier >>


Evgenij Kozlov: Triptychon-Collage, 1984, Ausschnitt des linken Teils.
Ausstellung «Удар кисти / Brushstroke» im Russischen Museum, St. Petersburg, Februar - Mai 2010
NTV «Сегодня / Heute» 4. 3. 2010


Evgenij Kozlov: Plattencover Kino «Начальник Камчатки / Nachalnik Kamchatki», 1984, von links nach rechts Yury Kasparian, Aleksandr Titov, Viktor Tsoy, Georgy Gurianov

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Evgenij Kozlov zum «Hauskünstler der Gruppe „Kino“ gewählt wurde» - ich zitiere hier noch einmal Georgy Gurianov aus E. Andreevas Buch. Er nahm die Musiker der Gruppe 1984 für das Plattencover der LP «Начальник Камчатки» (Nachalnik Kamchatki) auf, das er als übermalte Fotocollage gestaltete. (Diese Collage wurde für die Veröffentlichung der Schallplatte als CD im Jahre 1998 abgedruckt, auf der Viktor Tsoy zu sehen ist, der sie in seinen Händen hält, wohingegen im Jahre 1984 die LP mit einer anderen Fotografie des Künstlers erschien, die von Georgy Gurianov übermalt worden war.) Anlässlich der Präsentation des Covers fotografierte Evgenij Kozlov eine Performance im Atelier Timur Novikovs, und am selben Ort erfolgte auch die Kunstaktion «Modenschau» für die einzige Ausgabe der Zeitschrift «Die Neuen Künstler», bei welcher Evgenij Kozlov unter anderem für den Bereich der Mode verantwortlich zeichnete.

Evgenij Kozlov:
Plattencover Kino «Начальник Камчатки / Nachalnik Kamchatki», 1984

von links nach rechts Yury Kasparian, Aleksandr Titov, Viktor Tsoy, Georgy Gurianov

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Auf Bitten von Sergey Kuryokhin fotografierte er das Schallplattencover für «Insect Culture», die erste LP von Pop-Mekhanika; sie wurde gemeinsam mit den «New Composers» eingespielt und 1987 in Liverpool veröffentlicht. Auf dem Cover sieht man aus ungewöhnlicher Perspektive Sergey Kuryokhin und die «New Composers» Valery Alakhov und Igor Verichev, die mit schnellem Schritt die Leningrader Passage durchschreiten, und im Booklet der Kassette und der CD, die 1998 vom Label SoLyd Records veröffentlicht wurden, finden sich weitere Aufnahmen aus dem Fotoshooting der Straßenperformance für das Cover.

Evgenij Kozlov: Plattencover «Insect Culture», die erste LP von Pop Mekahnika / Popular Mechanics, in einer gemeinsamen Aufnahme mit den Новыe Композиторы / New Composers, 1987 in Liverpool veröffentlicht
Evgenij Kozlov:
Plattencover «Insect Culture», die erste LP von Pop Mekahnika / Popular Mechanics, in einer gemeinsamen Aufnahme mit den Новыe Композиторы / New Composers,
1987 in Liverpool veröffentlicht

im vordergrund: links Valery Alakhov, New Composers,
mitte Sergey Kuryokhin, Pop Mekhanika
rechts Igor Verichev, New Composers

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Evgenij Kozlov «Portrait von Viktor Tsoy», 1984

Nach 1990 ging Evgenij Kozlov zur Farbfotografie über und fotografierte dann sofort sehr viel weniger, und mittlerweile hat er (fast) ganz damit aufgehört, da er die Fotografie für seine jetzige künstlerische Schaffensphase nicht benötigt. Darüber hinaus war die Fotografie von Personen für ihn von Bedeutung, als die Verbindung zur äußeren Welt wichtiger war, während es heute die Verbindung zur inneren Welt ist. Für mich persönlich sind seine Fotografien der achtziger Jahre von großem Interesse. Da ich Evgenij Kozlov erst 1990 kennenlernte, haben sie mir diese überaus wichtige Periode der russischen Kunst eröffnet. Im Jahre 2000 begann ich, das Archiv dieser Fotografien zu erstellen. Die Aufgabe erwies sich als recht kompliziert, da die Filme alle in einzelne Streifen geschnitten waren und diese nicht in ihrer ursprünglichen Abfolge aufbewahrt wurden, sondern in einer solchen Zusammenstellung, wie sie der Künstler für seine Zwecke benötigte. Zudem ist ein Teil der Negative verloren gegangen, und von diesen Filmen gibt es nur noch Kontaktbögen oder einzelne Aufnahmen. Von den circa 6000 Negativen, die nun durchnummeriert sind, zeigen 2200 solche Ereignisse, die der Leningrader / St. Petersburger Kunstszene zuzuordnen sind.

Evgenij Kozlov «Portrait von Viktor Tsoy», 1984

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Die Gesamtzahl der ursprünglichen fotografischen Abzüge (Vintage) ist sehr schwer anzugeben. In der Regel war es so, dass Evgenij Kozlov im Fotolabor zusätzliche Abzüge herstellte, die er denjenigen Künstlern schenkte, welche auf den Fotografien zu sehen sind. Daher befindet sich heute ein nicht unbeträchtlicher Teil der Abzüge bei diesen Künstlern, das heißt in den Sammlungen von Timur Novikov, Oleg Kotelnikov, Georgy Gurianov, Sergey Kuryokhin, Igor Verichev, Valery Alakhov und anderen. Sie werden in Ausstellungen gezeigt und in Büchern und Alben abgedruckt, die sich mit dieser - nach E. Kozlovs Meinung geistig hochwirksamen Periode - beschäftigen, in erster Linie in Veröffentlichungen über die «Neuen Künstler». In den vergangenen Jahren waren sie unter anderem in den Büchern von Andrey Khaas «Корпорация счастья» («Die Körperschaft des Glücks») von 2006 und Ekaterina Andreeva «Тимур. Врать только правду» («Timur. Nur die Wahrheit lügen») von 2007 zu finden, im Gesamtkatalog von Timur Novikovs Werken 2003, im Ausstellungskatalog «Udar Kisti / Brushstroke» des Russischen Museums 2010 und in der russischen Ausgabe des «Rolling Stone» vom Mai 2010. Zu unserem Leidwesen wird jedoch nicht immer der Autor der Fotografien angegeben. Auch im Internet sind diese Fotografien recht verbreitet.

Evgenij Kozlov: Timur Novikov, Oleg Kotelnikov, Fotografie aus der Serie «Modenschau» 1984 Mai 2010, russische Ausgabe des Magazins «Rolling Stone»
Evgenij Kozlov: Timur Novikov, Oleg Kotelnikov, Fotografie aus der Serie «Modenschau» 1984
Mai 2010, russische Ausgabe des Magazins «Rolling Stone»

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Collage links: Oleg Kotelnikov Collage rechts: Evgenij Kozlov «Новогодняя Ель / Weihnachtsbaum» Neue Akademie der schönen Künste, St. Petersburg / 26.02.10 - 17.05.10 Kurator - Andrey Khlobystin (rechts im Bild)

Was die Bestimmung von Ort und Personen betrifft, die auf den Fotografien zu sehen sind, so ist es gelungen, recht umfangreiche (nach Evgenijs Worten «bernsteinfarbene») Informationen zu gewinnen, und im Jahre 2001 wurden gemeinsam mit Igor Khadikov eine Reihe von Artikeln auf der Grundlage der Fotografien veröffentlicht, und zwar in erster Linie zu Themen, die sich mit Ausstellungen und Kunstaktionen der «Neuen Künstler» beschäftigen. Dazu gehörten die Ausstellung und das Konzert «Alles Gute zum Neuen Jahr» im Rock-Club 1985-86, die Theateraufführungen des «Neuen Theaters» «Anna Karenina», «Ballett der drei Unzertrennlichen», das Konzert von 1985 für den Dokumentarfilm «Dialoge» von Nikolai Obukhovich mit Sergey Kuryokhins Pop-Mekhanika und dem Jazzquartett unter der Leitung von V. Chekassin, die Modenschau in der Galerie «ASSA» 1984, die Ausstellung der «Neuen Künstler» im Sverdlov Kulturhaus 1988, der Tanzabend der «Stiliagi» mit dem Konzert der Gruppe «Strannye Igry».

Collage links: Oleg Kotelnikov
Collage rechts:
Evgenij Kozlov «Новогодняя Ель / Weihnachtsbaum»
Neue Akademie der schönen Künste, St. Petersburg / 26.02.10 - 17.05.10 Kurator - Andrey Khlobystin (rechts im Bild)
Aufahme aus dem Film von Ivetta Pomerantseva.


 Collagen von Evgenij Kozlov, Ausstellung in der Galerie «ASSA», 1984. Von links nach rechts «Deutschland», «Новогодняя Ель / Weihnachtsbaum», ohne Titel, im Fenster «Selbstportrait», 1983, und kleinformatige Fotocollagen. Evgenij Kozlov: Fotocollage «KINO» Ausstellung «THE RAW, THE COOKED, THE PACKAGED. The Archives of Perestroika Art» Museum of Contemporary Art KIASMA / Finnish National Gallery Helsinki, Finland, 30.11.2007 - 6.1. 2008, Foto: Ivor Stodolsky Evgenij Kozlov: schwarzweiß Negative der 80er Jahre «THE RAW, THE COOKED, THE PACKAGED» Museum of Contemporary Art KIASMA / Finnish National Gallery Helsinki, Finland, 30.11.2007 - 6.1. 2008 Foto: Ivor Stodolsky

Collagen von Evgenij Kozlov
Ausstellung in der Galerie «ASSA», 1984
Von links nach rechts «Deutschland», «Новогодняя Ель / Weihnachtsbaum», ohne Titel,
im Fenster «Selbstportrait» 1983 und kleinformatige Fotocollagen.
Foto: Evgenij Kozlov

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Evgenij Kozlov: Fotocollage «KINO»
Ausstellung "THE RAW, THE COOKED, THE PACKAGED. The Archives of Perestroika Art"
Museum of Contemporary Art KIASMA / Finnish National Gallery
Helsinki, Finland, 30.11.2007 - 6.1. 2008
Foto: Ivor Stodolsky

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Evgenij Kozlov: schwarzweiß Negative der 80er Jahre
"THE RAW, THE COOKED, THE PACKAGED"
Museum of Contemporary Art KIASMA / Finnish National Gallery
Helsinki, Finland, 30.11.2007 - 6.1. 2008
Foto: Ivor Stodolsky

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In den letzten Jahren ist das Interesse an diesen Fotografien stark angewachsen, und wir bekommen immer häufiger Anfragen nach Fotografien zur Veröffentlichung. Und obwohl ich gerne Einblick in Evgenij Kozlovs Archiv gebe, ist die Sache doch nicht ganz einfach. Wie bereits gesagt verfolgte Evgenij Kozlov keineswegs dokumentarische Zwecke, wenn er Menschen fotografierte. Der künstlerische Blick ist nicht der Blick des Geschichtsschreibers, Forschers oder Dokumentaristen. Das bedeutet, dass wir es nicht mit einem historischen Archiv zu tun haben, aus dem wir uns ohne weiteres bedienen können, um geschichtliche Fakten zu illustrieren. Ganz abgesehen davon hieße aber, den Künstler als Fotografen vorzustellen, dass die Aufmerksamkeit auf einen Bereich seines Schaffens gelenkt wird, der für ihn selbst nicht im Vordergrund seines Wirkens stand, obwohl er unabdingbar für die Entwicklung seines künstlerischen Werks war. Daher veröffentlichen wir in diesem Buch nicht nur Fotografien in ihrer ursprünglichen Fassung, sondern auch Beispiele der übermalten Abzüge sowie Reproduktionen von Portraits in Malerei und Grafik. Auf diese Weise erhält man eine Vorstellung von der Bedeutung der Fotografie im Werk des Künstlers.

Gleichzeitig entsteht so eine außergewöhnliche Galerie der Künstler der nächsten russischen Avantgarde.

 Hannelore Fobo, 27. 8. 2010

«Тимур на коне / Timur zu Pferd» - Detail des Gemäldes von Evgenij Kozlov aus dem Jahr 1988 als Titelbild des Ausstellungskatalogs «De Nya fran Leningrad» (Die Neuen aus Leningrad), Kulturhuset, Stockholm, 27.8. - 25.9. 1988 Grafik: Slow Fox / Johan von Friedrichs, offset print,, 31 х 24 cm, Maße des Gemäldes ca. 2 х 1 m, Verbleib unbekannt.
«Тимур на коне / Timur zu Pferd» - Detail des Gemäldes von Evgenij Kozlov aus dem Jahre 1988 als Titelbild des Ausstellungskatalogs
«De Nya fran Leningrad» (Die Neuen aus Leningrad), Kulturhuset, Stockholm, 27.8. - 25.9. 1988
Grafik: Slow Fox / Johan von Friedrichs, offset print,, 31 х 24 cm,
Maße des Gemäldes ca. 2 х 1 m, Verbleib unbekannt.
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Evgenij Kozlov: «Portrait von Oleg Kotelnikov mit Krokodil und rotem Punkt» Öl, Leinwand, 70 х 70 cm, 1988 Evgenij Kozlov: «Igor Verichev» Papier, Tusche, Öl, 77,5 х 50 cm,1987 Evgenij Kozlov: «Selbstportrait mit Blauen Augen»  Papier, Öl, 94 х 70 см, 1989

Evgenij Kozlov
Portrait von Oleg Kotelnikov mit Krokodil
und rotem Punkt

Öl, Leinwand 70 х 70 cm, 1988

Evgenij Kozlov
Igor Verichev

Papier, Tusche, Öl, 77,5 х 50 cm,1987

Evgenij Kozlov
Selbstportrait mit Blauen Augen

Papier, Öl, 94 х 70 сm, 1989