Hannelore Fobo

Evgenij Kozlov: B(L)ACK ART 1985 - 1987 Seite 4




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Evgenij Kozlov: YA-YA


YA-YA

Eines der ersten Gemälde aus der Periode B(L)ACK ART ist YA-YA, circa 90 x 80 cm groß, eines von zwei gleichnamigen Werken.

Evgenij Kozlov: Я-Я / YA-YA. Mischtechnik, Leinwand, circa 90 x 80 cm, 1985 oder 1986.
Evgenij Kozlov
Я-Я / YA-YA. Mischtechnik, Leinwand, circa 90 x 80 cm, 1985 oder 1986.

Es enthält einige Elemente, die sich auch auf anderen Werken finden lassen, zum Beispiel den grimmigen Mond und die Figur mit Totenschädel und Hut, die Figur mit Käppi, die Explosion, die Rakete, die Frau im Bikini. Ein Schriftzug in englischer Sprache zieht sich über die obere Hälfte des Bildes, und wir lesen: „There are no nearby hills or promontories from which the art gang could admire their WORK, ЖЕНЯ. Letzeres, ausgesprochen Zhenya, ist die Kurzform von Evgenij, die Anrede, die in Russland üblich ist (von der er sich aber schon lange distanziert hat, da er auf Evgenij besteht). Also „Es gibt in der Nähe keine Hügel oder Vorgebirge, von denen aus die Künstlergruppe ihre ARBEIT bewundern könnte, ZHENYA.“

 

Leider ist nicht mehr feststellbar, woher dieses Zitat stammt, aber es dürfte zutreffen, dass es auf die eigene Tätigkeit gemünzt ist, eventuell auch auf die gesamte Gruppe der Leningrader „Neuen Künstler“. Weiter kann man annehmen, dass es sich bei dieser vermutlich amerikanischen „art gang“ um Grafittikünstler handelte und dass der Grafittistil des Bildes eine Paraphrase auf den Stil dieser „art gang“ ist. Der Titel YA-YA, im Russischen Я-Я, findet sich im rechten unteren Bereich des Bildes, einzeln eingeschrieben in das rechte und das linke „Säulenfundament“ eines Torgebäudes, in dessen Toröffnung sich eine Explosion ereignet. Die beiden Яs haben eine interessante grafische Wirkung mit ihren dünnen Beinchen und dem kugeligen Bauch, sie wirken wie kleine Personen, die sich akkurat in Szene setzen. Я-Я heißt übersetzt nichts anderes als „Ich-Ich“, und insofern kann man das Doppelwort mit dem Autorennamen „ ZHENYA “ auf dem Bild in Verbindung bringen. Hier kommt es hingegen auf Klang und Rhythmus an. E-E (gesprochen Yeh-Yeh, was für das Yeah-Yeah der Popmusik steht) ist ein Bildsymbol, das Evgenij Kozlov bereits 1983 verwendet hat und das auch andere „Neue Künstler“ nutzten, beispielsweise Oleg Kotelnikov. (Seit 2005 benutzt Evgenij Kozlov als Signatur ausschließlich „E-E“.) Als Alternative zu YEH-YEH bietet sich YA-YA an, denn die Vokale i, o, u des russischen Alphabets werden nicht jotiert und bieten daher nicht denselben „geschmeidigen“ Effekt bei der Wiederholung. Das ist die lautliche Seite.

 

Neben dem grafischen und dem lautlichen Aspekt gibt es einen semantischen Aspekt.

Evgenij Kozlov o.T. (Токио и Талия / Tokio i Talia) Vorderseite. Filzstift, Papier, 13 x 9 cm, 1985.

Evgenij Kozlov
o.T. (Токио и Талия / Tokio i Talia)
Vorderseite.
Filzstift, Papier, 13 x 9 cm, 1985.

Auf einem kleinen Skizzenblatt von 1985 hat der Künstler Ländernamen untereinander geschrieben, die er in ihre Komponenten zerlegt, aber nicht nach semantischen Merkmalen, sondern indem er systematisch die Endung i-ya abtrennt: Росс-и-я (Ross-i-ya), Герман-и-я (German-i-ya), Англ-и-я (Angl-i-ya), Франц-и-я (Franc-i-ya) etc.  И-я (I-ya) bedeutet im Russischen aber nichts anderes als „und ich“, und wenn man den vorderen Rest betrachtet, ergibt sich in manchen Fällen ein sinnvolles Einzelwort (später, 1990, wird Kozlov ein weibliches Portrait „German-i-ya“, „Hermann und ich“, betiteln). Diese linguistische Spielerei wird auf den Höhepunkt getrieben mit dem Wort für Japan (Япония-Yaponiya), das wir in folgenden Varianten lesen: Я-пони-Я (Ya-poni-ya), Я-пония (Ya-poniya), Я•п•-он-и-я (Ya•p•-on-i-ya). Letzteres bedeutet „Ich •p• - er – und – ich“, doch ist das Doppel-Ich bereits in der ersten der drei Varianten herausdestilliert.

 

Dieser Exkurs in das Reich der Semantik soll zeigen, dass die von Evgenij Kozlov benutzten Symbole eine grafische, eine lautlich-musikalische und eine semantische Dimension besitzen können, und dass der Spontaneität der Komposition eine beträchtliche Sorgfalt bei der Herausarbeitung und Gestaltung der einzelnen Elemente vorausgeht.

 

In dieser Hinsicht kann man das YA-YA im Format 90 x 80 cm als Etude zu Ya-Ya von Ende 1985 auffassen, das mit den Maßen von circa 145 x 400 cm wesentlich größer ist. Genauer muss man sagen, dass das Bild heute die Maße 145 x 400 hat, denn der rechte Rand hat sich nicht erhalten, hier fehlt schätzungsweise bis zu ein Meter. Allerdings erinnert sich der Künstler nicht daran, welches der beiden Bilder zuerst entstand. Dass sie zusammengehören, ist klar. Es gibt eine kleine Skizze, die Motive beider Bilder zeigt.

 

Soweit es sich heute rekonstruieren lässt, wurde das große speziell für die Ausstellung „Alles Gute zum Neuen Jahr“ gestaltet, die am 27. Dezember 1985 im Leningrader Rock-Club eröffnete.[1] Im Archiv von Evgenij Kozlov befinden sich mehrere schwarz-weiß Filme der Ausstellung sowie des Konzertes von Pop Mekhanika am Tag der Eröffnung. mehr >>

Valery Alakhov und Evgenij Kozlov mit E. Kozlovs Gemälde im Leningrader Rock Club, 1985, Я-Я / YA-YA Spray (Nitrolack), Papier, 145 x 404 cm, 1985 photo: Igor Verichev, inv.no. BI26

Valery Alakhov und Evgenij Kozlov mit E. Kozlovs Gemälde
im Leningrader Rock Club, 1985
Я-Я /
YA-YA. Spray, Papier, circa 145 x 450 cm, 1985
photo: Igor Verichev, archive E. Kozlov, inv.no. BI26

Eine Reihe der Fotografien zeigt YA-YA ausgebreitet auf der großen Marmortreppe des Gebäudes, während die New Composers Valery Alakhov und Igor Verichev beziehungsweise Valery Alakhov und Evgenij Kozlov darauf knien oder sonstige Posen einnehmen. Dem Gemälde war dies eher nicht zuträglich, denn es ist aufgrund seiner Machart recht empfindlich. Seine Fläche besteht aus einer beträchtlichen Anzahl schwarzer Fotocouverts, die aneinandergeklebt wurden; darauf wurde das Motiv gesprayt. Solche Fototaschen, die jeweils eine größere Menge an unbelichtetem Fotopapier enthielten, waren gewissermaßen „Restprodukte“, die in Evgenij Kozlovs Fotolabor anfielen. Dieselbe Technik der zur Fläche geklebten Fototaschen hat er auch 1989 für zwei Portraits von Igor Verichev und Valery Alakhov verwendet mehr >>. Wenn man von der Gesamtfläche der schwarzen Couverts ausgeht, muss die Zahl der fotografischen Vergrößerungen gewaltig gewesen sein. Das lässt sich heute jedoch nicht mehr feststellen, da der Künstler viele davon großzügig an die Personen verschenkte, die auf ihnen zu sehen waren. Sie befinden sich heute in den Privatarchiven der Künstler und Musiker, insbesondere im Archiv von Timur Novikov, und werden regelmäßig in Katalogen und Zeitschriften abgedruckt.

 

Angesichts der Größe des Formats von YA-YA wäre es für Kozlov schwierig gewesen, das Sprayen in der eigenen Wohnung zu realisieren, die ihm als Atelier diente („Galaxy Gallery“). Nicht nur die Größe als solche war ein Problem – er hat in der Tat ein Werk von viereinhalb Metern Länge in der Galaxy Gallery realisiert –, sondern vor allem der Abstand, der benötigt wird, wenn man Spray auf großen Flächen einsetzt. Valery Alakhov erinnert sich daran, dass diese Tätigkeit in Timur Novikovs Atelier in der Woinov-Strasse, der Galerie ASSA, stattfand. Timur verfügte über recht große Räumlichkeiten, zudem brauchte man nicht darauf zu achten, dass keine Farbreste auf Wände oder Boden gelangten.

 

In Timurs Novikovs Aufzeichnungen zur Ausstellungseröffnung lesen wir bezüglich „YA-YA“: „Evgenij Kozlov präsentierte sich völlig unerwartet mit einer riesigen schwarzen Papier[arbeit]“ [неожиданно выглядил Евгений Козлов на гигансткой черной бумаге. [2]] Wenn wir in Rechnung stellen, dass am rechten Rand ca. ein Meter fehlt, so kommen wir auf eine Gesamtlänge von 5 Meter. Damit ist Ya-Ya (auf Papier) Kozlovs größtes Werk der achtziger Jahre.

 

Auch in anderer Hinsicht ist dieses Bild ein Unikat.

Evgenij Kozlov: Я-Я / Ya-Ya. Spray (Nitrolack), Papier, 145 x 404 cm, 1985.

Evgenij Kozlov
Я-Я / Ya-Ya. Spray (Nitrolack), Papier, circa 145 x 40o cm, 1985.

Es ist ausschließlich gesprayt, steht also der typischen Grafittitechnik am nächsten. Als Farbe dominiert ein helles Blau, das auch in kleineren Formaten zum Einsatz kommt, beispielsweise in einem Portrait von Timur Novikov von 1986 oder auf zwei Collagen von 1984, die der Künstler 1986 teilweise übermalt bzw übersprayt hat, und dem Bild Wenn ihr beginnt, Muskeln zu spüren! (1986) .mehr >> Als Kontrast zum hellen Blau und zum Schwarz des Papiers dient Silberspray, das hauptsächlich für die Schattierung der Konturen eingesetzt wird. Eine weitere Besonderheit ist die sehr großflächige Gestaltung der Motive, die nur als Umrisse markiert sind. Sie sind zum einen recht voluminös, zum anderen überschneiden sie sich nicht, wie das sonst häufig der Fall ist.

 

Evgenij Kozlov: Я-Я / YA-YA. Vorderseite. Kugelschreiber, Papier, 12,8 x 19 cm, 1985.

Evgenij Kozlov
Я-Я / YA-YA
Vorderseite. Kugelschreiber, Papier, 12,8 x 19 cm, 1985.

Auf der Skizze zum großen Bild ist die Dreiergruppe bereits angelegt, die dem Bild seine Bewegung aus der Vertikalen in die Horizontale verleiht. Vertikal ist die obere Hälfte eines Totenkopfmännchens. Aus ihm geht diagonal hervor ein spitzwinkeliges Dreieck, das den Körper einer Kasperpuppe bildet. Diese Puppe ist die kindliche Seele des Totenkopfmännchens, das YA-YA , das „Ich-Ich“. Sie fliegt aus seinem Kopf heraus und leitet über zur horizontal fliegenden Rakete. Das Я-Я, welches auf der Skizze und auch auf dem kleinen Bild eine untergeordnete Funktion einnimmt, dominiert auf dem großen Bild die Bildmitte. Diese und die anderen Elemente grenzen aneinander, aber nicht zu dicht, sondern so, dass sie ein lockeres, luftdurchwirktes Gefüge miteinander bilden. Die Luft ist in diesem Fall der schwarze Hintergrund, der aus dem Inneren der Elemente und aus den Räumen zwischen den Elementen durchscheint.

 

Wenn wir eine Weile auf das Bild schauen und uns nicht ablenken lassen, erhalten wir plötzlich den Eindruck, dass wir in einen schwarzen Nachthimmel mit seinen zahlreichen Sternen schauen, die sich zu Sternbildern zusammengefügt haben. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die unscharf gesprayten Ränder der Motive, die dem optischen Effekt der Lichtbrechung entsprechen, mit dem wir die Sterne wahrnehmen, und durch die vielen winzigen Punkte, die wie schwach leuchtende Sterne die über das ganze Bild verteilt sind. Die Sternbilder in Evgenij Kozlovs Darstellung sind die Buchstaben Я-Я, das Totenkopfmännchen, die Kasperpuppe, eine Frauenfigur mit hochgereckten Armen, eine Palme, ein Wolkenkratzer, eine weitere Figur mit Königskorne am rechten Rand (fehlt), diverse Pfeile und Punkte , eine + - + - Kette, eine Pfeilspirale. Die Rakete im Flug am oberen Rand des Bildes wäre dann unsere eigene Bewegung durch das Firmament.

 

Man kann seine Fantasie noch weiter spielen lassen und die Einfassung des linken und oberen Bildrands durch kreisförmige Gebilde als Kugelsternhaufen identifizieren. Selbst die Milchstrasse, vielmehr zwei Milchstrassen lassen sich erkennen als galaktische Bänder; die eine Milchstrasse befindet sich an zentraler Stelle, sie ist der Bindestrich zwischen den beiden Яs. Die andere ist eine entfernte Galaxie am linken oberen Bildrand.

 

Man muss dem Künstler selbstverständlich nicht unterstellen, dass eine solche Interpretation seinen eigenen Gedanken entspricht. Es handelt sich um meine eigene Interpretation. Wenn wir uns jedoch überlegen, welchen Stellenwert der Kosmos oder kosmische Elemente in Evgenij Kozlovs Werk hat – ich habe das Thema weiter oben angeschnitten in Bezug auf Der Flug der Amerikaner im Kosmos und CCCP – USA, und wenn wir weiter in Betracht ziehen, dass er seine Wirkungsstätte „Galaxy Gallery“ nannte, dann ist diese Interpretation nicht ganz von der Hand zu weisen. Ebenfalls ist bekannt, das der Kosmos und die Weltraumfahrt auf die Musik der New Composers, mit denen Evgenij Kozlov befreundet war, keinen geringen Einfluss hatte, und Valery Alakhov war bei der Gestaltung von YA-YA anwesend. Jedenfalls ist klar: innerhalb der B(L)ACK ART nimmt dieses Bild eine Sonderstellung ein, denn wir blicken hier direkt in ein paralleles Universum. Wie weit unser Blick in die schöpferischen Kräfte dieses Kosmos’ reicht, hängt davon ab, ob wir den Sinn seiner Bilder erschließen können. In der Bedeutung des doppelten, galaktisch verbundenen Ich liegt der Schlüssel zum Verständnis.

 

 

Evgenij Kozlov: Хочу Е Я (и ЯЯ) / Ich will sie (und Ich Ich). Öl, Leinwand, ca. 200 x 100 cm, 1988.

Evgenij Kozlov
Хочу Е Я
(и ЯЯ) / Ich will sie (und Ich Ich)
Öl, Leinwand, ca. 200 x 100 cm, 1988.

1988 hat der Künstler die Buchstabenfolge YA-YA für ein weiteres Bild verwendet, in einer neuen Kombination, in der er zum YA das YE fügt: Хочу Е Я (и ЯЯ) [Ich will sie (und Ich Ich)]. Zwei Figuren rufen sich diese Formel zu. Hier geht es nicht nur um das Ich, sondern um das, was das Ich will, nämlich sie. Das Gemälde gehört nicht mehr zur B(L)ACK ART, sondern zur nächsten Stilperiode, die einen klareren, einen grafischen Aufbau besitzt. Das Bild wurde 1988 im Stockholmer Kulturhuset in der ersten umfassenden internationalen Ausstellung der Neuen Künstler gezeigt und ist seitdem verschollen.

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[1] Timur Novikovs Liste der ausgestellten Bilder von Evgenij Kozlov umfasst drei Bilder: Я-Я / YA-YA, Мультфильмы / Zeichentrickfilme, Шик – Шок – Шоу / Shick – Shock – Show. Es ist nicht klar, ob mit YA-YA das kleinere der beiden Bilder gemeint ist und das große zusätzlich ausgestellt wurde, oder ob allein das große gezeigt wurde. Das Bild Zeichentrickfilme lässt sich mithilfe von Evgenij Kozlovs Inventar aller Werke nicht identifizieren, möglicherweise handelt es sich um Центральное телевидение / Zentrales Fernsehen.

[2] Zitiert nach E. Andreeva im Katalog „Brushstroke", St. Petersburg, 2010, S. Erstveröffentlicht im Katalog „Novye Khudozhniki 1982 - 1987“,S. 91.

 

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