Hannelore Fobo

Evgenij Kozlov: B(L)ACK ART 1985 - 1987 Seite 1




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Hannelore Fobo

Evgenij Kozlov: B(L)ACK ART 1985 - 1987

Evgenij Kozlov: Black art


Farbe und Linie

Wenn man Evgenij Kozlovs Werke der 1980er Jahre unter formalen – nicht inhaltlichen – Aspekten betrachtet, stellt man eine Entwicklung fest, die circa alle zwei Jahre zu einer neuen stilistischen Ausprägung führt, ohne jedoch die vorherige vollkommen zu verdrängen..

Evgenij Kozlov: Петродворец. Финский залив. / Petrodvorets. Finnischer Meerbusen.  Lithostift, Papier, 30 x 42 cm,1983.

Evgenij Kozlov
Петродворец. Финский залив. /
Petrodvorets. Finnischer Meerbusen.
Lithostift, Papier, 30 x 42 cm, 1983

In seiner Bildersprache sind gleichwertig das malerische Element, das heißt die Gestaltung des Bildaufbaus einschließlich der Figuren nur durch die Farbe, und das grafische Element, die Bildung der Form durch Umrisse oder Linien. Diese beiden Elemente, man könnte sagen, die Malerei und die Zeichnung, beziehungsweise die Fläche und die Linie oder auch die Farbe und das Zeichen, bilden zu verschiedenen Zeiten verschiedene Schwerpunkte. Dadurch ergeben sich Stilperioden.

 

Allerdings, und das macht die Eingrenzung dieser Stilperioden schwierig, werden solche „Entwicklungsströme“ selten ausschließlich verfolgt. Fast immer gibt es parallele Erscheinungen, die sich dem vorherrschenden Stil nicht zuordnen lassen. Die Pluralität der Erscheinungen macht die stilistische Beschreibung von Evgenij Kozlovs Werk zu einem ausgesprochen anspruchsvollen Vorhaben, und das gilt auch für die fruchtbaren achtziger Jahre.

 

Evgenij Kozlov: Энергия и Сила Женщин / Die Energie und Stärke der Frauen Öl, Leinwand, 150 x 100 cm, 1990

Evgenij Kozlov
Энергия и Сила Женщин /
Die Energie und Stärke der Frauen

Öl, Leinwand, 150 x 100 cm, 1990
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Bevor ich im Weiteren auf diese Entwicklung eingehe, muss ich die Bedeutung des „Stils“ für Evgenij Kozlov eingrenzen. Der Stil als solcher ist für ihn zweitrangig, weil er lediglich das Ausdruckselement für die Schaffung einer Harmonie mit einer spezifischen Ausrichtung ist. Harmonie bedeutet eine komplexe Verbindung von Polaritäten, über die noch zu sprechen sein wird. Die Verbindung der Polaritäten ist nicht beliebig, besitzt jedoch ein unendliches Potential. Die Wege, die der Künstler bei der Verwirklichung dieses Potentials geht, führen zu der Abfolge von Stilperioden. Sie sind somit äußere Geste einer inneren Empfindung für Harmonie. Aus ihr resultiert die Freiheit, mit der Evgenij Kozlov sich Stilelemente aneignet, sie transformiert und ihnen einen neuen Sinn verleiht. Aufgrund seines zeichnerischen Könnens, seines Gespürs für Farben und seinem Blick für Komposition ist es ihm möglich, den jeweiligen Stil zur maximalen Entfaltung zu bringen und dabei in der Lage zu sein, sich jederzeit zu ihm befreien, weil er seine Kunst nicht über den Stil definieren muss.

 

 

 

Stilperioden der achtziger Jahre
Evgenij Kozlov: Тише, не тревожьте сон / разговоров сыпь трескуча. Stille, stört den Schlaf nicht / Das prasselnde Rieseln des Gesprächs. Öl, Leinwand, 65 х 95 cm, 1981

Evgenij Kozlov
Тише, не тревожьте сон / разговоров сыпь трескуча. /
Stille, stört den Schlaf nicht / Das prasselnde Rieseln des Gesprächs.
Öl, Leinwand, 65 х 95 cm, 1981

Die reine Malerei findet sich eigentlich nur zu Beginn der achtziger Jahre und nimmt dadurch innerhalb der Stilperioden der achtziger Jahre noch einmal einen besonderen Platz ein. Wenn ich hier von der reinen Malerei spreche, so ist damit keineswegs die abstrakte oder gegenstandslose Malerei gemeint, die in Kozlovs Werk praktisch abwesend ist. Es ist damit vielmehr die Gestaltung der figuralen Elemente rein durch die Farbe gemeint, aus deren Fläche die Form entsteht. Es gibt hier keine Linie als Strich. (Тише, не тревожьте сон / разговоров сыпь трескуча / Stille, stört den Schlaf nicht / Das prasselnde Rieseln des Gesprächs, 1981)

 

 

Evgenij Kozlov o.T. Tusche, Papier, 19.5 x 14.3 cm, 1981

Evgenij Kozlov
o.T.
Tusche, Papier,
19,5 x 14,3 cm, 1981

Parallel zur reinen Malerei gibt es die Zeichnung mit Bleistift, Farbstift, Tusche oder Lithografiekreide sowie in Verbindung mit der Monotypie. Für den übrigen Zeitraum ist eine jeweils spezifische Kombination von Malerei und Zeichnung kennzeichnend. Dabei gilt, dass von Jahr zu Jahr neue Symbole (Figuren, Zeichen) geschaffen werden, die sich eine Weile behaupten und dann zugunsten ihrer „Nachfolger“ zurücktreten, dann aber auch unerwartet und eventuell in verwandelter Form wieder auftauchen können.

 

 

Evgenij Kozlov: Тропарь / Troparion, Gouache, Tempera, Aquarell, Aluminiumpulver, Bibelblatt, 33,5 x 20,5, 1982

Evgenij Kozlov Тропарь / Troparion
Gouache, Tempera, Aquarell,
Aluminiumpulver, Bibelblatt
33,5 x 20,5 cm, 1982

Im Jahr 1982 entsteht eine Serie von Miniaturgemälden auf den Blättern eines Stundenbuches („Chasoslov“; es enthält die Stundengebete der orthodoxen Kirche). Der kirchenslawische Text macht das jeweilige Blatt zu einem besonderen Energieträger, ohne dass vom Inhalt des Textes Kenntnis genommen wird. Erst die Titel der Bilder nehmen auf den Text Bezug. Farbe und Linie sind hier gleichwertig.

 

Daneben liegt 1982 / 1983 der Schwerpunkt auf Gemälden mit vielfigurigen Kompositionen, Gruppenportraits in äußerst innovativer Darstellung, in die Elemente der Pop-Art einfließen (Noli me tangere, 1982 mehr >>, Комиссары / Kommissare, 1983).

Evgenij Kozlov: Комиссары / Kommissare. Aquarell, Gouache, Tempera, Leinwand, 120 x 90 cm, 1982-83

Evgenij Kozlov
Комиссары / Kommissare
Aquarell, Gouache, Tempera, Leinwand,
120 x 90 cm, 1982-83

 

1983 beschäftigt sich der Künstler mit der Technik der Schablone, mit deren Hilfe er den Bildfiguren präzise Konturen und Bewegungen verleiht (SIT VENIA VERBO. Традиции ХХ века / SIT VENIA VERBO. Traditionen des XX Jahrhunderts, 1983 mehr >>). Ebenfalls die Umrisse betonend, aber weich im Ausdruck, mit schwungvollen, bogenförmigen Linien, die sich aneinander schmiegen, ist eine Serie mit Strandmotiven, mit Lithografiekreide gezeichnet (Петродворец. Финский залив. / Petrodvorets. Finnischer Meerbusen.) siehe oben rechts. Die monochromen Zeichnungen sind Grafiken im reinsten Sinn des Wortes, während die korrespondierenden Gemälde durch die flächig aufgetragenen Farben den malerischen Aspekt der Gestaltung betonen (Петродворец. Красный проспект / Petrodvorets, Rote Allee, 1983).

 

 

Einen besonderen Platz nehmen in den Jahren 1984 / 85 Collage und Fotocollage ein. Dabei ist zu beachten, dass collagierte Elemente auch vor und nach dieser Zeit Verwendung finden, aber dann vor allem in Kombination mit der Malerei oder Grafik. Die Gestaltung der Collagen folgt einem assoziativen Vorgehen, das sich sowohl am Inhalt als auch an der Ästhetik ihrer Elemente orientiert.

Evgenij Kozlov: КИНО / KINO Collage, Fotografie, Karton. 225 x 80 cm, 1985.

Evgenij Kozlov КИНО / KINO
Collage, Fotografie, farbiges Papier, Karton. 225 x 80 cm, 1985 mehr >>

Der Inhalt als „Sinn“ des Bildes ist mit den (übermalten) Fotografien und den Zeitungsausschnitten eher grafisch aufgebaut, während die farbigen Papierflächen und -bänder, die der emotionalen Vertiefung dienen, einen malerischen Charakter besitzen.

 

 

Die Fotografie spielt generell für die achtziger Jahre eine große Rolle. Sie übernimmt die Aufgabe, die sonst Skizzen zufällt, nämlich die Entwicklung bestimmter Motive. mehr >>

Evgenij Kozlov o. T. (Shock ART) Filzstift, Wackskreide auf Computerausdruckpapier 30.5 x 42 cm, 1986

Evgenij Kozlov
o. T. (Шок АРТ / Shock ART)
Filzstift, Wackskreide auf Computerausdruckpapier
30,5 x 42 cm, 1986 mehr >>

 

Für die Stilperiode der Jahre 1985 bis 1987 ist darüber hinaus die technische Bearbeitung der Negative von Bedeutung, bei der auf dem Negativ durch das Einritzen in die feuchte Emulsion bestimmte Konturen und Schraffuren erzeugt werden, die in die Grafiken und Gemälde übernommen werden mehr >>. Die Bilder dieser Periode besitzen die starke Expressivität der Graffitis oder Comics mit „sprechenden“ Symbolen. Die gestische und mimische Expressivität der Figuren, deren Bewegung durch Schraffuren und zeichenhafte Ornamente verstärkt wird, bestimmt die Dynamik des Bildes (Когда вы начинаете чувствовать мускулы! / Wenn ihr beginnt, Muskeln zu spüren, 1986 mehr >>).

 

 Evgenij Kozlov: Улыбающийся Серп / Lächelnde Sichel. Wandfarbe, roter Stoff, ca. 220 x 220 cm, 1987

Evgenij Kozlov
Улыбающийся Серп / Lächelnde Sichel
Wandfarbe, roter Stoff,
ca. 220 x 220 cm, 1987 mehr >>

 

Die Entwicklung vollständig zeichenhafter Symbole und ihrer ausschließlichen Verwendung im Bild hat in den Jahren 1987 / 88 ihren Höhenpunkt. Im Gegensatz zu den geometrischen Symbolen von 1985 / 86 basieren sie nicht auf dreidimensionalen, sondern auf flächigen Formen, die eine gewisse Symmetrie aufweisen. Das gilt auch für die Buchstaben. Formen und Buchstaben stammen aus der sowjetischen Symbolik, sind aber so umgeformt, dass sie eine positive Ausstrahlung erhalten (Улыбающийся Серп / Lächelnde Sichel). Ab 1988 werden die abstrahierten Figuren zu Archetypen wie Mann, Frau, Sonne. (МаМа ПаПа / MaMa PaPa, 1988, Точки Соприкосновения / Berührungspunkte, 1989, Serie Новая Классика / Die Neue Klassik, 1989 / 1990 mehr >>). Dessen ungeachtet findet man gerade in dieser Zeit hervorragende Beispiele einer davon deutlich unterschiedenen malerisch-grafischen Darstellung. Zu letzterer gehört das bekannte Portrait von Timur Novikov mit Knochenhänden (Портрет Тимура Новикова с костяными руками, 1988). mehr >>

 

 

Die zeichenhafte Symbolik dominiert den künstlerischen Ausdruck somit nicht, sondern erweitert letztendlich die Möglichkeiten der Malerei. Ende der achtziger Jahre entstehen eine ganze Reihe großformatiger vielfiguriger Gemälde mit außergewöhnlich starker Ausstrahlung, unter anderem Анна Каренина I / Anna Karenina mehr >>, Анна Каренина II / Anna Karenina II mehr >> Акула / Shark mehr >>.

Evgenij Kozlov o. T. (Анна Каренина II / Anna Karenina II) Mischtechnik, Baumwolle, ca. 200 x 145 cm, 1988

Evgenij Kozlov
o. T. (Анна Каренина II / Anna Karenina II)
Mischtechnik, grundierte Baumwolle
ca. 200 x 145 cm, 1988
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Für diese Werke „erfindet“ Evgenij Kozlov eine besondere Präsentation, indem er den Rand der Leinwand (eines Baumwollstoffes) vor der Grundierung wellenförmig abnäht. Der Rand wird durch eine breite farbliche Einfassung des Bildinhaltes verstärkt, so dass man auf das Bild wie durch ein Fenster schaut. In diese Gemälde fließen die Erfahrung und die Kenntnisse ein, die sich der Künstler in den davorliegenden Jahren angeeignet hat. Sie sind grafische Malerei und malerische Grafik.

 

2012, nach einer langjährigen und intensiven Beschäftigung mit der Grafik für die Serie Century XX, bestimmt Evgenij Kozlov den Unterschied zwischen Malerei und Grafik durch Gegensatzpaare:

 

Живопись – стабильная, графика – мобильная.

Живопись – конечная, графика – бесконечная.

Die Malerei ist stabil, die Grafik ist mobil.

Die Malerie ist endlich, die Grafik unendlich.

 

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